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Ein Tabu ist zu fällen 

“Dies ist kein Konzentrationslager im traditionellen Sinn. Die Zustände sind schlecht, aber nicht unzumutbar.” erklärte der damalige Chef der britischen Liberaldemokraten, Paddy Ashdown, 1992 nach einem Besuch des serbischen Internierungslagers Manjaca.

Aber ein Konzentrationslager eben doch.

Das umschreibt das Problem. Es gibt Einrichtungen, die möchte man Konzentrationslager nennen, man weiß auch, dass es sich um ein Konzentrationslager handelt – doch das Wort ist tabuisiert. Tabuisiert durch die KZ’s der Nazizeit. Mit fatalen Folgen: wir können ein Konzentrationslager nicht mehr anprangern, weil wir uns nicht trauen, das rechte Wort dafür zu benutzen. Konzentrationslager bleiben möglich, ohne dass große Kritik zu befürchten wäre, weil es dafür kein Wort gibt. Lediglich der negative Verweis scheint erlaubt. So erklärten italienische Politiker zu Lampedusa, sie wollten dort kein Konzentrationslager einrichten. Das geht gerade noch. Schlimmer ist es schon, wenn man sich einen Wie-Vergleich traut: Gaza sähe aus wie oder erinnere an ein Konzentrationslager, wie es Kurienkardinal Martino tat. Dann wird sofort die dicke Keule geschwungen.

Doch es ist schon richtig so: es gibt Konzentrationslager und die müssen auch so benannt werden.

Klar und einfach unterscheidet das „Universal Lexikon“ zwei Bedeutungen des Begriffs:

Bez. für die erstmals 1901 vom brit. Feldmarschall H. H. Kitchener (1850–1916) eingerichteten Internierungslager im Burenkrieg (1899–1902)]:
1. (nationalsoz.) (zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft) Lager, in dem Gegner des nationalsozialistischen Regimes sowie Angehörige der als minderwertig erachteten Völker u. andere nicht erwünschte Personengruppen in grausamer Weise unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen gehalten [und in großer Zahl ermordet] werden …
2. (gegen die Genfer Konvention verstoßendes) Massenlager, das Elemente des Arbeits-, Internierungs- u. Kriegsgefangenenlagers sowie des Gefängnisses u. Gettos vereinigt (im 20. Jh. vor allem in Diktaturen zur Unterdrückung der Opposition benutzt) … In der SBZ bestanden 1945-50 in den Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen Sonderlager des NKWD für deutsche Zivilpersonen (Speziallager). – Konzentrationslager wurden auch von den Militärjunten in Griechenland (1967-74) und Chile (1973-89) eingerichtet, ebenso von Serben beziehungsweise Kroaten im Krieg in Kroatien sowie in Bosnien und Herzegowina (1992-95).“

Konzentrationslager sind eine neuzeitliche Erfindung. Die Idee, solche einzurichten, setzt schon gewisse Hemmungen voraus. In früheren Zeiten machte man es sich einfacher; da wurden missliebige Bevölkerungsgruppen mit roher Gewalt vertrieben, versklavt oder auch schon mal massenweise umgebracht. Erst in der Neuzeit, als dies allein schon wegen der Außenwirkung,mehr aber noch wegen zu erwartender Proteste im Inneren nicht mehr angebracht erschien, entstand die Idee, missliebige Menschen, sei es wegen ihrer ethnischen, religiösen oder sozialen Merkmale oder aufgrund ihrer politischen Einstellung, gefangen zu halten und zu isolieren. Ohne Gerichtsurteil selbstverständlich, lediglich aufgrund eines administrativen Verwaltungsaktes. Und natürlich ohne die Möglichkeit einer Rechtsvertretung, der Verteidigung oder gar des Widerspruches oder der Haftprüfung. Ziel war, sie aus der Welt zu schaffen, ohne sie direkt umzubringen.

Genau das unterscheidet aber das Konzentrationslager vom Internierungslager. Denn wie für Kriegsgefangenenlager sind auch für Internierungslager die Bedingungen in der Genfer Konvention geregelt, die internationale Überwachung und, wenn auch geringe, elementare Möglichkeiten der Haftprüfung für die Insassen vorsehen. Ein Lager, in dem es diese Möglichkeiten gem. Genfer Konvention nicht gibt, ist damit auch kein Internierungslager sondern – genau: ein Konzentrationslager.

Wer sich das vor Augen führt, begreift, was für eine Ausnahmeerscheinung die KZ’s der Nazizeit waren. Es ist nämlich gerade nicht die bewusste und gewollte Vernichtung von Menschenleben, die hinter der Idee Konzentrationslager steckt. Man möchte diese KZ’s einen Rückfall in archaische Zeiten nennen – wäre nicht der ideologische Hintergrund ein anderer gewesen.

Es lohnt sich, die Tabuisierung des Wortes Konzentrationslager gerade in Deutschland mal unter quasi völkerpsychoanalytischem Aspekt zu betrachten.

Die Nazi-Vergangenheit will uns einfach nicht loslassen. Hier kann man sich auf das Monströse als Erklärung berufen. Doch wie wäre es, einmal danach zu fragen, ob tatsächlich nicht Unaufgeklärtes als Ursache zugrunde liegt, das weiter bohrt, nagt und eitert? Nach der – wenn auch keineswegs nachhaltigen – Schutzfunktion, die ein Tabu hat?

Wer in der Nachkriegszeit aufgewachsen ist, sollte wissen, wann im Bewusstsein vieler Deutscher die Nazizeit begonnen hatte: nämlich 1942, mit der Wannsee-Konferenz. Und vorher? Was war da?

„Hitler hätte die Juden nicht umbringen dürfen“, war ein bis weit in die Sechziger hinein viel gehörter Satz. Stillschweigend ergänzt durch: ‘aber sonst war der ganz in Ordnung’. Und so wird verstehbar, warum für viele, viele damalige Deutsche die Nazizeit erst 1942 begann. Und sich für gar nicht mal so wenige auch heute noch darauf beschränkt. Kein Wunder, denn mit den Verdrängungen sind auch die weit danach Geborenen sozialisiert worden.

Für in Ordnung befunden wurde die Deportation der jüdischen Mitbürger in Konzentrationslager. Jetzt müsste eigentlich ein Aufschrei kommen: niemals, davon hat doch keiner gewusst! Ja, ja, von dem, was die Nazis aus ihren Konzentrationslagern machten, den Vernichtungslagern, sei es durch Hunger und Zwangsarbeit bis zum absehbaren Tod, sei es durch ihre Mordmaschinen Gaskammern, davon hat in der Tat kaum einer gewusst. Konnte ja auch keiner, nach Exklusion und Isolation. Das wurde sorgfältig geheim gehalten. Denn auch den Nazis war durchaus bewusst, dass die Deutschen nicht mehr in archaischen Zeiten lebten, in denen man Juden und andere Andersgläubige, Zigeuner oder welche missliebige Gruppe auch immer in öffentlicher Eintracht schon mal tot schlug. Und selbst wenn hier und da mal was durchsickerte, dürften die meisten, wie zunächst auch die Alliierten, es für Gräuelpropaganda gehalten haben. Es bedurfte durchaus einiger Mühen, den Alliierten klar zu machen, dass die angebliche Gräuelpropaganda zuvor unvorstellbar gewesene Wirklichkeit war. „Aber davon konnte keiner wissen“, war die gängige Entschuldigung der Kriegsgeneration.

Davon nicht. Aber von den Deportationen in Konzentrationslager konnte und musste jeder wissen, spätestens seit der Kristallnacht. Das jedoch hat die Mehrheit nicht groß gestört, es wurde für in Ordnung befunden. Konzentrationslager im eigentlichen Sinne der Definition: Lager oder auch Ghettos, das macht, sofern die Menschen dort gefangen gehalten werden, keinen großen Unterschied. Und um diese Illusion aufrecht zu erhalten, durfte auch schon mal eine Rot-Kreuz-Delegation ein ‘Musterlager’ besuchen oder es wurde ein Film gedreht: seht, alles in Ordnung. In Ordnung für die Mehrheit, die die Deportation, Gefangenhaltung und Isolation ihrer jüdischen Mitbürger nicht weiter störte. Sie haben die Juden nicht ermordet. Aber sie haben den Massenmord ermöglicht. Der ohne die breite Zustimmung zur Exklusion und Isolation der Juden in Konzentrationslager nicht möglich gewesen wäre.

Die schwärende Wunde: Dinge, die man nicht wahrhaben, nicht wissen will.

Konzentrationslager sind menschenrechtswidrig.
Wir wissen, was ein verbrecherisches Regime im Extremfall aus ihnen machen kann.
Die dahinter stehende Idee ist keineswegs tot.
Grund genug, das Wort zu enttabuisieren.
Konzentrationslager gehören nach internationalem Recht ausdrücklich definiert, benannt und verboten.

2013

Hierzu auch:

http://mondoweiss.net/2014/07/concentration-delusion-recognize.html

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